Ladakh, das sind Klöster, hohe Pässe und der berühmte Pangong Lake. Aber was ist mit den Menschen, die in dieser Landschaft seit Generationen leben? Genau die habe ich in Chushul getroffen, nur eine knappe Autostunde vom Pangong Lake entfernt.
Dort habe ich zum ersten Mal erlebt, wie das Nomadenleben in Ladakh heute aussieht. Ich habe Babyziegen auf den Arm genommen, Ziegen gestriegelt (ziemlich ungeschickt, dazu später mehr) und eine Hirtenfamilie mit ihrer Herde hinaus in die Weite begleitet. Es war nur ein Nachmittag. Und trotzdem eines meiner absoluten Highlights auf meiner 8-tägigen Ladakh-Rundreise.

Chushul: ein kleines Grenzdorf am Rand von Ladakh
Chushul liegt im Changthang, der hochgelegenen Region im Südosten Ladakhs. Das Dorf ist klein und abgelegen, hier leben knapp 1.000 Menschen, vor allem von Landwirtschaft und vom Militär.
Als wir ankamen, erklärte mir mein Guide erst einmal die Lage: „Dahinten ist die Grenze zu China, da drüben Indien.“ Das war ein ungewohnter Start in einen Besuch bei Ziegenhirten. Aber es zeigt gut, wie nah hier alles beieinanderliegt.
Ein Stück Geschichte: Chushul und der Krieg von 1962
Chushul war schon immer ein Grenzort, bereits 1842 wurde hier die Grenze zwischen Ladakh und Tibet festgelegt. Besonders in Erinnerung ist der Ort aber wegen des Krieges zwischen Indien und China im Jahr 1962. Am nahen Rezang La hielten damals rund 120 indische Soldaten ihre Stellung gegen eine große Übermacht, die allermeisten von ihnen starben. Heute erinnert das Rezang La War Memorial in Chushul daran.
Im Homestay, in dem wir zu Gast waren, hängen viele Bilder und Erklärungen zum Krieg. Man kann sie in Ruhe ansehen und durchlesen, und ich fand das super interessant. Plötzlich bekam die weite, stille Landschaft draußen eine ganz andere Tiefe.
Nomadenleben in Ladakh heute: Halbnomaden und ihre Ziegen
Hier kommt ein Detail, das mich überrascht hat. Früher lebten die Familien im Changthang komplett als Nomaden. Heute gibt es davon nur noch sehr wenige. Die meisten sind Halbnomaden: Sie haben ein festes Haus in Chushul, ziehen aber tagsüber mit ihren Tieren durch das Land, im Sommer oft auch mehrere Tage am Stück.
Die Familien gehören zu den Changpa, die seit Generationen von ihren Tieren leben. Besonders wichtig sind die Changthangi-Ziegen, auch Pashmina-Ziegen genannt. Sie sind an ein Klima angepasst, das für uns kaum vorstellbar ist. Die Täler des Changthang liegen auf etwa 4.000 Metern, die Ziegen leben auf 4.500 Metern und höher, und im Winter kann es bis zu minus 40 Grad kalt werden.



Mein Nachmittag bei der Hirtenfamilie
Als wir ankamen, wartete die Familie schon auf uns. Englisch spricht hier niemand, wie in vielen Dorffamilien in Ladakh. Deshalb ist ein Guide oder Fahrer wirklich Gold wert. Trotzdem war ich wieder begeistert, wie weit man mit Blicken, Gesten und Lachen kommt.
Babyziegen und Striegeln
Zuerst durfte ich in das kleine Gehege mit den Ziegenbabys. Natürlich habe ich eines auf den Arm genommen. Selten etwas so Süßes erlebt! Die Kleinen werden getrennt gehalten, damit sie von den großen Tieren nicht plattgetrampelt werden. Gezielt werden sie einzeln herausgeholt und zu ihrer Mutter zum Trinken gesetzt.
Die Hirten wissen genau, welches Jungtier zu welcher Ziege gehört. Bei diesen Massen an Tieren ist das für mich kaum vorstellbar. Ein bisschen helfen die Farbmarkierungen im Fell, aber trotzdem: Respekt.
Danach ging es ins große Gehege. Der Meisterhirte wartete schon, zusammen mit seinem Bruder und seiner Tante. Sie zeigten mir, wie das feine Unterfell der Ziegen ausgestrichen wird. Das passiert jeden Morgen, bevor die Herde hinaus zum Grasen zieht.
Im ersten Moment sieht es ziemlich grob aus: Die Ziegen werden auf den Boden gedrückt, die Beine festgehalten und das Fell herausgebürstet. Doch das täuscht. Den Ziegen geht es dabei gut. Ich selbst war übrigens sehr behutsam und habe dadurch kaum Fell abbekommen. Dafür wurde ich schön ausgelacht.





Mit der Herde hinaus in die Weite
Dann wurden die Ziegen freigelassen, und die Hirtin schnappte sich ihre beiden Hunde. Los ging’s. Das war ein ganz besonderer Moment für mich. Ich bin der Herde noch lange hinterhergelaufen und war irgendwann sogar Teil davon, zumindest laut dem Hund. Er hat nämlich immer geschaut, dass ich mitkomme, und lief brav hinter mir her.
Dieses Panorama lässt sich kaum beschreiben. Die ohnehin surreal wirkende Landschaft Ladakhs, und mittendrin hunderte Ziegen, die der Hirtin folgen, zwischendurch stehen bleiben oder miteinander kämpfen. Irgendwann musste ich zurück, die Herde zog weiter.


Pashmina: was hinter dem feinen Unterfell steckt
Mein Guide erklärte mir, wie wertvoll dieses Fell ist. Das Unterfell der Changthangi-Ziegen wird später zu Pashmina verarbeitet, aus der Schals, Decken und andere Textilien entstehen. Der Name stammt vom persischen „Pashm“ und bedeutet „weiche Wolle“.
Die Fasern sind außergewöhnlich fein. Pro Ziege kommen im Jahr nur etwa 500 bis 1.000 Gramm zusammen. Wenn du selbst einmal ein Büschel Fell in der Hand hattest, verstehst du, wie viel Handarbeit in jedem Schal steckt.


Tipps für deinen Besuch in Chushul
Mein Tipp: Plane mehr Zeit ein als ich. Ich war nur einen Nachmittag da und würde rückblickend einen ganzen Tag empfehlen, damit du mit dem Hirten hinaus auf die Wiesen gehen, den Ziegen beim Grasen zuschauen und in Ruhe ein Picknick machen kannst. Das lohnt sich besonders im Sommer, wenn die Wiesen schön grün sind. Ich war im Mai dort, und es war noch sehr kalt.
Anreise: Chushul ist ein guter Zwischenstopp auf dem Weg zum Pangong Lake, von hier sind es weniger als eine Stunde Fahrt. Für mich ging es danach weiter nach Kungyam.
Permit und Übernachtung: Chushul liegt in einer streng bewachten Grenzregion. Du brauchst ein Permit, das mein Guide für mich organisiert hat. Genau das ist ein Vorteil, wenn du organisiert reist. Als ausländische Reisende kannst du in Chushul leider nicht übernachten, obwohl es dort ein wundervolles Homestay gibt. Ein Tagesausflug ist aber möglich. Wo du in Ladakh stattdessen bei Familien übernachten kannst, habe ich in meinem Artikel über Homestays in Ladakh zusammengestellt.
Sprache: Nimm einen Guide oder Fahrer mit, der übersetzen kann. Die Familien sprechen meist kein Englisch.

Mein Fazit: Nomadenleben in Ladakh erlebst du nur vor Ort
Chushul ist klein, abgelegen und sehr besonders. Hier verbinden sich Geschichte, Grenzlandschaft und ein Alltag, der sich seit Generationen um Tiere und Weideflächen dreht. Du lernst die Menschen kennen, die davon leben, und bekommst einen Einblick, wie hier gelebt wird, und wie es früher war.
Für mich war es ein ganz besonderes Erlebnis, und ich kann es dir wärmstens empfehlen. Authentisch reisen heißt für mich genau das: einen Nachmittag lang Teil des Alltags sein, auch wenn man sich nur mit Händen und Füßen versteht.
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